Orte der Krisenbewältigung
Familienberatungsstellen entlasten Familien und Betriebe
Mitarbeiter sind
mittelfristig das
wichtigste Kapital des Betriebes. Die sonstigen Ressourcen und
Rahmenbedingungen der konkurrierenden Unternehmen gleichen sich im
Laufe der Zeit immer mehr an. Den Unterschied macht das Personal.
Wobei mit Personal sowohl der Unternehmer als auch die Mitarbeiter in
ihren unterschiedlichen Rollen gemeint sind. Für den Betrieb
kommt es darauf an, dass die Mitarbeiter nicht nur kompetent und
fleißig sind. Auch eine Großzügigkeit der
Mitarbeiter in anderen Bereichen zahlt sich für den Betrieb
aus,
z.B. indem sie Ideen geben, bei Engpässen aushelfen, gemeinsam
Probleme lösen, bei der Sache sind, sich mit der eigenen
Arbeit
identifizieren, Kunden gut betreuen, sich gegenseitig
unterstützen,
sorgfältig arbeiten, Fehler entdecken und ausbessern, sich
Fortbilden, motiviert sind, freundlich und hilfsbereit sind, flexibel
sind, Lust haben gut zu sein, kreativ sind, in verwirrenden
Situationen klar sehen, sich gegenseitig aufmuntern, Netzwerke haben,
sich integrieren, an ein gemeinsames Projekt glauben, usw. Für
die Mitarbeiter kommt es auf der anderen Seite darauf an, dass die
Arbeit eine Quelle von Befriedigung ist, dass sie in den beruflichen
Beziehungen Wertschätzung erfahren, dass sie in der Arbeit
persönlich wachsen können, sich in ihren
persönlichen
Problemen und Schwächen verstanden fühlen und dass
Arbeitsaufgabe, Arbeitsklima und Beziehungen im Betrieb nicht zu
einer Quelle von Ängsten werden. Kein Mitarbeiter
wünscht
sich, für sein eigenes Wohlergehen, innerlich
kündigen zu
müssen.
So allgemein gesprochen,
klingt das
alles sehr einfach. In der Realität hat jedoch jeder Mensch,
also auch jeder Unternehmer und jeder Mitarbeiter eine andere
Persönlichkeit und jeder leitet Wertschätzung und
Befriedigung, bzw. Sorgen und Ängste aus anderen Situationen
ab.
Hinzu kommt, dass jeder Mensch im Laufe seines Arbeitslebens kleine
und große private und berufliche Krisen hat, die es ihm
schwer
machen, einerseits großzügig im Betrieb zu sein und
andererseits aus seiner Arbeit Befriedigung und Wertschätzung
zu
gewinnen. Solche Krisen entstehen vor allem durch gesundheitliche
Probleme, private Probleme in der Familie und sonstigen Beziehungen
und durch eine Folge von immer gleichen Missverständnissen,
die
durch die Unterschiedlichkeit der im Betrieb gemeinsam arbeitenden
Persönlichkeiten entstehen. In solchen Momenten wird man
empfindlicher, ängstlicher, aggressiver und benötigt
so
viel Kraft für sich selbst, dass es schwierig ist mehr als das
unbedingt Notwendige zu geben. Dies sind weder für den
Betrieb,
noch für die Kollegen, noch für die Person selbst,
erfreuliche Momente. Die Kollegen beginnen sich zu distanzieren, die
Zusammenarbeit klappt nicht mehr reibungslos, die positiven Ideen und
Initiativen werden weniger, mehr Fehler entstehen und vor allem ist
die Person, die sich in einer Krise befindet auch nicht
glücklich. Möglicherweise kommt für die sich
einer Krise
befindlichen
Person zu den privaten Problemen auch noch der Verlust der
Befriedigung am Arbeitsplatz hinzu.
In allen Unternehmen gibt
es informelle
Strategien und Rituale solche Situationen aufzufangen. Täglich
werden Minikrisen wie z.B. entstehender Groll, der aus einem
Missverständnis in der Kommunikation beruht, oder einfach
unerklärlich morgendliche schlecht Laune, bewältigt.
Bewältigt werden diese Minikrisen durch
Begrüßungsrituale,
Komplimente, ein Lächeln, oder die Kollegen geben sich
gegenseitig durch Worte oder Gesten zu verstehen, dass sie ihre
Stimmung wahrnehmen und bereit sind, für eine begrenzte Zeit
darauf Rücksicht zu nehmen. Bei schwierigeren Situationen gibt
es meistens jemanden im Betrieb, der sich ein wenig mehr Zeit nimmt
für die sich in einer Krise befindliche Person und diese
auffordert, über sein Problem zu sprechen. Dies kann ein
Kollege
oder eine Kollegin sein, der Vorgesetzte oder der Unternehmer selbst.
Hierbei erfährt die Person Wertschätzung und
spürt das
Interesse der anderen an ihr, manchmal hilft es ihr auch, wenn sie
erfährt, dass nicht nur sie alleine das Problem hat, und
manchmal hilft ihr einfach das Gefühl nicht allein gelassen zu
sein. Viele Unternehmer und Mitarbeiter in verantwortlicher Position
verwenden heute einen Teil ihrer Arbeitszeit darauf, um
Missverständnisse zu klären, Mitarbeitern Mut zu
machen,
Annerkennung und Wertschätzung zu geben, beim beruflichen
Weiterkommen zu helfen, und den persönlichen Problemen von
Mitarbeitern Raum zu geben. Sie wissen, dass dies sowohl für
die
Person selbst, als auch für das Arbeitsklima, für die
Beziehungen unter den Kollegen und mittelfristig auch für das
Überleben des Betriebes wichtig ist, sie wissen, dass die
dafür
aufgewendete Zeit meist gut investiert ist.
Die Möglichkeiten
für die
emotionale Befindlichkeiten der Mitarbeiter zu sorgen, sind aber in
jeder Organisation und in jedem Betrieb begrenzt. Jeder Betrieb und
jede Organisation hat ihre „Daseinsberechtigung“
nur, wenn sie
ihren Dienst am Kunden oder Klienten erfüllt, sonst
löst
sie sich früher oder später auf. Dies bedeutet, dass
auch
die Beschäftigung mit den persönlichen Aspekten
diesem
„Daseinsgrund“ untergeordnet bleibt. Diese
Unterordnung wird
spürbar über die Begrenzung der Zeit, die
dafür zur
Verfügung steht, und sie entsteht weil Kompetenzen und die
Organisationsform in erster Linie auf den Dienst am Kunden und
Klienten hin ausgerichtet sein sollten und nur in zweiter Linie auf
die emotionale und gesundheitliche Befindlichkeit der Personen, die
darin arbeiten. Tiefer liegende persönliche Krisen, schwere
familiäre Situationen wie Trennung, Krankheit und anderes und
auch verhärtete und lang andauernde Situationen von
Missverständnissen im Betrieb, sind oft meist durch die
betriebsinternen Strategien nicht zu bewältigen.
Die Bewältigung
von solchen
Problemen wurde in der Vergangenheit vor allem von den Familien
übernommen. Auch hier stehen heute oft nicht mehr genug
Ressourcen zur Verfügung. Außerdem ist nicht jede
Einzelperson oder jede Familie in der Lage sich rechtzeitig nach
einer angemessenen Hilfe umzusehen.
In den letzten 20 Jahren
haben sich
eine Reihe von Institutionen entwickelt, die gerade in diesen
Situationen helfen können. Gemeint sind dabei Institutionen,
die
im psychologischen Bereich arbeiten und auf Beziehungen,
Kommunikation und emotionale Schwierigkeiten spezialisiert sind.
Zwischen diesen Diensten und privatwirtschaftlich organisierten
Betrieben besteht traditionell eine große Distanz, da der
Ausgangspunkt der jeweiligen Tätigkeit sehr unterschiedlich
ist.
Während der Ausgangspunkt eines Betriebs den Dienst am Kunden
als Käufer leisten, ist der Ausgangspunkt der im
soziosanitären
Bereich angesiedelten Institutionen der Dienst am Klienten als
Person, die ihre eigenen Ressourcen in komplexer Weise in den
verschiedenen sozialen Kontexten sinnvoll anzuwenden lernen muss.
Heute wird diese Distanz aber immer weniger sinnvoll und es wird
immer notwendiger, dass sich beide Organisationsarten als Teil einer
komplexen gesellschaftlichen Aufgabe verstehen, sich annähern
und den Dialog und die Zusammenarbeit zu vertiefen. Ein wichtiges
Bindeglied können hierbei Strukturen wie z.B.
Familienberatungsstellen sein, die von ihrer Grundorientierung her
die Menschen innerhalb ihres gesamten familiären und sozialen
Kontextes, also auch ihrer beruflichen Wirklichkeit betrachten, und
nicht nur an der Behandlung diagnostisch fassbarer Symptome
orientiert sind. Auf der anderen Seite kann schon allein ein im
ganzen Betrieb vorhandenes Bewusstsein davon, dass man in bestimmten
Situationen auf die Hilfe spezialisierter Beratungsstellen
zurückgreifen kann, für die Personen in Krisen und
Notsituationen eine wichtige Information sein, die zu einer
Verringerung der Schwellenangst führt. Dies gilt vor allem
dann,
wenn der Besuch einer Beratungsstelle im Betrieb nicht als Quelle von
Unehre angesehen wird, sondern als normaler Teil sozialer
Realität.
Hierbei nehmen die Vorgesetzten und Betriebseigentümer eine
wichtige symbolische Funktion ein.
Charakterzug: Genauigkeit
Genauigkeit als Ressource für den Betrieb
Jeder Mensch hat
unterschiedliche
Charaktereigenschaften, bei denen die moderne Psychologie heute davon
ausgeht, dass sie auf Anlagen und die Biographie zurück zu
führen sind. In der Praxis sind die Gründe
für
bestimmte Eigenschaften aber weniger wichtig, weil
diesbezügliche
Veränderungen im Erwachsenenalter nur sehr langsam und nur in
einem gewissen Ausmaß möglich sind. Es ist deshalb
sehr
viel sinnvoller, jedem Menschen in seinen Eigenheiten und in der Art,
wie er selbst gesehen werden will, entgegen zu kommen.
In diesem Beitrag geht es
um Menschen,
die sehr genau sind, manchmal auch übergenau, manchmal leicht
überlastet, und in Stresssituationen – die von
anderen
möglicherweise gar nicht als solche empfunden werden
–
unangemessen auf ihre Gegenüber reagieren. Solche Menschen
achten sehr auf die Einhaltung von korrekten Umgangsformen und machen
ihre Arbeit perfekt. Dahinter steckt ein Charakterzug, der ihnen
nicht erlaubt, sich Fehler zu leisten und sie sind relativ
misstrauisch gegenüber anderen Menschen. Selbst verwenden sie
sehr viel Energie für die eigene Genauigkeit und Korrektheit
und
erwarten von den anderen, dass sie dies auch tun. Sollten es Andere
mit bestimmten Umgangs- oder Arbeitsweisen nicht so genau nehmen
–
manchmal genügen auch unpersönliche Formfehler in
Schriftstücken - so empfinden sie dies als Respektlosigkeit
ihnen gegenüber und sie fühlen sich abgewertet,
missachtet
oder gar angegriffen. Oft reagieren sie darauf mit Aggression oder
mit innerem Rückzug.
Menschen mit diesen mehr
oder weniger
stark ausgeprägten Charakterzügen, sind für
ihre
sozialen Kontexte Familie und Betrieb manchmal ein Segen, denn sie
sorgen dafür, dass nichts vergessen wird, und dass niemand
aufgrund von vermeidbaren Fehlern in eine unangenehme Situation
gerät. Manchmal ist es aber schwierig mit ihnen umzugehen, und
manchmal benötigen sie sehr viel Zeit, um eine Arbeit zu
erledigen, weil sie die Genauigkeit ins Zentrum ihrer Aufmerksamkeit
stellen und ihnen dabei die Angemessenheit des Mittel(Zeit)einsatzes
unwichtig erscheint.
Im Betrieb ist es wichtig,
diese
Menschen als Ressource zu schätzen und gleichzeitig
dafür
zu sorgen, dass ihre, für den Kontext problematischen Seiten,
nicht so sehr zum tragen kommen. Dies gelingt am Besten, indem die
Vorgesetzten und Kollegen genaue Menschen so wahrnehmen, wie sie
gerne wahrgenommen werden wollen, nämlich als wertvoll.
Genaue Menschen haben Angst
davor
Fehler zu machen. Es ist also sinnlos, bei ihnen auf Fehler zu
achten, bzw. diese zu unterstreichen, sondern es ist wichtig, ihnen
zu erlauben Fehler zu machen, denn nur so werden sie mit der Zeit
frei, auch die Angemessenheit des Ressourceneinsatzes in
Erwägung
zu ziehen. Dies fällt dann besonders schwer, wenn wir von
ihnen,
in übertriebener Weise, schon öfter auf Fehler
aufmerksam
gemacht worden sind, und wir nun selbst gerne einmal die Chance
nutzen würden, auch ihnen zu zeigen, dass sie nicht perfekt
sind. Gleichzeitig möchten genaue Menschen für ihre
perfekte Arbeit anerkannt werden. Es ist also wichtig, nicht
nachzulassen, ihnen dafür Anerkennung zu geben.
Die Angst vor Fehlern hat
bei vielen
damit zu tun, dass sie befürchten bei einem Fehler vom anderen
als minderwertig betrachtet zu werden, bzw. die Beziehung sich rapide
verschlechtern könnte. Es fehlt ihnen also am Vertrauen in die
Anderen. Dieses Misstrauen führt sie oft zu
zurückhaltenden,
ruppigen oder ambivalenten Verhaltensweisen (von ihnen selbst wird
die eigene Ambivalenz in der Regel nicht gesehen, das dies ihrem
Selbstbild widerspricht), die es dem Umfeld schwer macht, ihnen das
tatsächlich vorhandene Vertrauen zu zeigen. Trotzdem ist es
ist
sehr wichtig, dass Kollegen und Vorgesetzte genauen Menschen auf der
persönlichen Ebene, mit viel Vertrauen begegnen, und es ihnen
auch regelmäßig zeigen. Ihr Selbstbild sagt ihnen,
dass
sie sehr vertrauenswürdig und korrekt sind, und sie leiden
darunter, dass ihnen dies viel zu wenig gezeigt wird.